
Der Ebertplatz ist ein Ort, den viele nur aus den Schlagzeilen kennen. Für manche ist er ein Durchgang, den man möglichst schnell hinter sich lässt. Für andere ist er genau das, was eine Stadt im Kern ausmacht: Reibung, Realität, Kontraste. Nichts ist hier glattgebügelt, nichts wirkt „fertig“. Und genau deshalb liegt in diesem Platz so eine seltsame Energie. Eine, die sich nicht kopieren lässt – und trotzdem hängen bleibt. Stimmungen wechseln in Minuten. Und zwischen Beton, Licht und Geräuschen entsteht etwas, das man schwer beschreiben kann – aber sehr gut fotografieren. Nicht, weil es schön ist. Sondern weil es wahr ist. Als Fotograf in Köln zieht mich genau das an: Orte, an denen nichts gestellt wirkt, aber alles Bedeutung bekommt, sobald man bewusst hinsieht.
Mitten in dieser Szenerie liegt das LABOR Ebertplatz. Ein Kunstraum in der Passage – offen, sichtbar, urban. Kein „Museumsmoment“, kein weißer Kubus, der so tut, als gäbe es draußen keine Welt. Das LABOR gehört genau dahin, wo es steht: in eine Zone, die oft unterschätzt wird. Und genau dort entfaltet es seine Wirkung.

Das LABOR Ebertplatz: Kunstgalerie, Stadtraum und offenes Experiment
Das LABOR Ebertplatz ist nicht nur eine Galerie, sondern ein Experimentierfeld. Ein Ort, an dem Kunst nicht „abgeschlossen“ präsentiert wird, sondern im Fluss bleibt. Wer reingeht, merkt schnell: Hier entsteht keine glatte Antwort. Hier wird ein Prozess sichtbar gemacht – und das passt perfekt zu einem Platz, der selbst permanent in Bewegung ist.
Das LABOR versteht sich als Plattform für intermediale Ausstellungen. Das bedeutet: Es bleibt nicht bei Bildern an der Wand. Stattdessen treffen unterschiedlichste Ausdrucksformen aufeinander – von Fotografie über Installation, Design und Video bis hin zu Performance oder Live-Formaten. Dieser Raum ist nicht dazu da, eine einzige Wahrheit zu erzählen. Er ist da, um Fragen zu stellen.

Das Ganze hängt auch mit dem größeren Kontext rund um „Unser Ebertplatz“ zusammen. Seit Jahren geht es hier um Zwischennutzung, um Kulturprogramme, um Präsenz und darum, einen Ort nicht nur verwaltungstechnisch zu „lösen“, sondern gesellschaftlich zu beleben. Natürlich bleibt vieles dabei widersprüchlich – der Ebertplatz ist kein einfacher Ort und wird es vermutlich auch nie sein. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Er ist nicht dafür gemacht, bequem zu sein.
„Infraordinär“: Die Ausstellung als Blick auf das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen

Aktuell zeigt das LABOR Ebertplatz die Projektausstellung „Infraordinär“ von jungen Designern im KISD Kontext vom 17. bis 22. Januar 2026 (16-20 Uhr), Ebertplatz Passage 5, 50668 Köln. Schon der Titel macht neugierig, weil er genau das beschreibt, was viele gute Ausstellungen schaffen: Sie holen etwas hervor, das die ganze Zeit da war – aber plötzlich anders wirkt. Nicht größer. Nicht lauter. Nur bewusster.

Im Kern geht es um Dinge des Alltags, die über die Schenkung Schriefers ins Kolumba-Archiv gelangten – und dort zum Ausgangspunkt gestalterischer Forschung wurden. Zunächst erscheinen diese Gegenstände unscheinbar – nur um dann doch eine merkwürdige Schwerkraft entwickeln, sobald man sie ernst nimmt. Dinge, die uns umgeben, die wir berühren, benutzen, ignorieren – und die dabei oft mehr über uns erzählen, als uns lieb ist. Die Arbeiten wirken wie ein stiller Reminder: Das Gewöhnliche ist nie wirklich neutral. Es ist nur oft zu nah, um es noch zu sehen.

Spannend ist außerdem, dass die Arbeiten in mehreren Magazinen präsentiert werden. Dadurch entsteht etwas sehr Zeitgenössisches: nicht der eine große „Aha-Moment“, sondern eine Serie von Beobachtungen. Wie Notizen aus einem Alltag. Für mich hatte das etwas sehr Persönliches – weil man als Besucher:innen nicht einfach nur konsumiert, sondern automatisch mitdenkt. Man fängt an, die eigenen Dinge anders wahrzunehmen. Und plötzlich wird die Stadt draußen ebenfalls Teil der Ausstellung.
Gerade am Ebertplatz funktioniert dieses Konzept extrem gut. Weil du nach dem Blick auf die Arbeiten nicht in ein ruhiges Viertel hinaustrittst, sondern zurück in einen Ort, der pulsiert. Der Platz ist Alltag – aber eben in seiner besonderen Form: verdichtet, direkt, manchmal widersprüchlich.
Als Fotograf Köln nehme ich aus solchen Momenten immer etwas mit, das über Bilder hinausgeht: eine Haltung. Die Erinnerung daran, dass gute Motive nicht zwingend spektakulär sein müssen. Oft reicht eine klare Idee, ein genauer Blick und die Bereitschaft, dem Gewöhnlichen eine zweite Chance zu geben. In einer Zeit, in der alles nach Aufmerksamkeit schreit, ist das fast schon radikal: leise sein – aber präzise.
Und genau da liegt für mich der Wert dieser Ausstellung im LABOR: Sie macht aus Kleinigkeiten Bedeutung, ohne dramatisch zu werden. Und vielleicht ist das am Ende das, was Kunst im Stadtraum am stärksten leisten kann: nicht zu flüchten – sondern zu schärfen.
